Meisterklasse Neo Rauch - Der ehemalige Norden - Ausstellung im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen, Mandy Kunze

 

 

Presseinformationen zur Ausstellung

THE GOLDEN JOURNEY TO SAMARKAND

Mandy Kunze. Kunstzeitschrift ARTA, im Okt. 2011

Ein weißes Hemd hängt an einer Wäscheleine vor einem mit Wellblech gedeckten Häuschen. Eine Tür öffnet sich, aus dem Außenraum wird der Blick auf die Szenerie im Inneren des Hauses gelenkt: zwei Figuren sitzen sich an einem Tisch gegenüber, zwischen ihnen ein gerade begonnenes Schachspiel. Einer der beiden hat die Beine übereinander geschlagen, er blickt über die Schachpartie hinweg sein Gegenüber an, eine seltsam anmutende Person im schwarzen Gewand, die schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, ihr Gesicht zu einer grinsenden Fratze verzerrt. Hinter ihnen bricht das Zimmer wiederum auf und eröffnet den Blick auf eine weite, flache Landschaft. Stromleitungen führen vom Haus weg und verlieren sich am Horizont. Schließlich fällt der Blick auf die vielen Details, die mehr und mehr Fragen eröffnen: das Heupferd im Bildvordergrund, eine Zielscheibe über dem Kopf des links sitzenden Mannes, die schwarzen Rauchringe, die die rechts sitzende Figur ausstößt - ein Leuchtturm, der kaum sichtbar am Horizont sein Orientierungslicht ausstrahlt und auf den eine der Stromleitungen zuführt. BERGMAN (2010), Mittelpunkt der Einzelausstellung von Mandy Kunze in der Galeria de Arta Contemporana des Muzeului National Brukenthal, zeigt exemplarisch die figurative und doch symbolhafte, subversive Bildsprache der jungen Künstlerin.

 

Der ambivalente Dialog zwischen Innen- und Außenräumen, zwischen Objekten und Subjekten, ist wiederkehrendes Charakteristikum in ihren Werken. In den Arbeiten der 1978 geborenen Künstlerin werden immer wieder Fragmente miteinander konfrontiert, Welten geschaffen, die den Übergang anzuzeigen scheinen zwischen unberührter Natur und den vom Menschen geformten Räumen, zeigt Begegnungen von Menschen mit einer bedrohlich wirkenden Natur, die Spuren, die die Zivilisation hinterlassen hat, aber auch den verlorenen Menschen in einer Welt, die er selbst geschaffen hat. Der Eindruck jenes fragmentarischen Bildaufbaus, der aufbrechenden Räume, der kontradiktionären Geschichten rührt von der spezifischen Arbeitsweise der Künstlerin her: auf ihren Reisen trägt sie kleinformatige Leinwände bei sich, auf denen sie die mannigfaltigen Eindrücke, die von überall her auf sie einströmen, skizzenhaft festhält. Jene nur 10x10 Zentimeter messenden Momentaufnahmen zeigen in schwarz-weiß, spätere auch mit wenigen farbigen Pinselstrichen einzelne Figuren, Gesichter, einen kurzen Moment einer Straßenszene, einen Ausschnitt aus der Erinnerung der Künstlerin. Diese einzelnen Fragmente setzt Kunze später in ihrem Leipziger Atelier in ihren großformatigen Gemälden zusammen, kombiniert einzelne, von einander unabhängig entstandene Versatzstücke zu den Szenerien, die sich in ihren Bildern auftun. Ihre Arbeitsweise kann auch in der Ausstellung nachvollzogen werden, denn neben den großformatigen Gemälden sind auch die kleinen "Kacheln", wie die Künstlerin die kleinen Leinwände nennt, ausgestellt, zum Teil wie Titel neben den Gemälden angebracht. So verwundert es nicht, dass ihre Bilder umso rätselhafter wirken, je länger man sie betrachtet. Die einzelnen Komponenten werfen in Verbindung zueinander eher Fragen auf, als dass sie vordergründige Erklärungen liefern.

Damit knüpft sie an die Tradition der Bildsprache des Künstlers Neo Rauch an, unter dessen Professur sie die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst absolvierte. So wird die Malerei des prägenden Vertreters der Leipziger Schule auch als mystischer Realismus bezeichnet. Der Titel ihrer Ausstellung in Sibiu, "The Golden Journey to Samarkand", dem Titel eines Gedichtes des englischen Poeten James E. Flecker entlehnt, kann auch als Metapher für den Schaffensprozess aufgefasst werden: es ist ebenso ein bewusster und selbst bestimmter, wie auch ein langer und intensiver Prozess, der mit der malerisches Bearbeitung der Leinwand in Gang gesetzt wird. Dabei ist zunächst nicht klar, welche Bildwelten schließlich entstehen werden. Die Künstlerin schätzt dabei die Entschleunigung des Schaffensprozesses, die die Malerei mit sich bringt, denn die Ideen bekämen so Zeit, sich zu entwickeln. Ähnlich wie die Karawane in Fleckers Gedicht, die sich mit ihren Vorstellungen und Träumen in das ferne Samarkand aufmacht, müsse sich laut Kunze auch der Betrachter ihrer Bilder auf unerwartete Bedeutungen einlassen.

Aber auch die Reise nach Transsilvanien steht für die Künstlerin für eine "goldene Reise nach Samarkand", in ein gelobtes Land also, dass sich vor allem in ihrer Phantasie herausgebildet hat. Mit Rumänien verbindet sie eine ganz besondere Beziehung: Schon seit ihrer Kindheit zog es sie, fasziniert vom Klang des Namens, nach Transsilvanien. Seit 2008 besucht sie das Land immer wieder, hier findet sie merkwürdige Formen, die sie inspirieren und die sie vielfältig in ihren Arbeiten einfließen lässt. So sind die Strommasten, deren Leitungen sich durch die Szenerien ihrer Bilder ziehen, ebenso wiederkehrendes Element wie auch das Wellblech der Hüttendächer oder die halbrunden Formen der Heuhaufen, die die rumänische Landschaft prägen. Auch andere Formen, Gebäude, Gesichter, sind ihrer Erinnerung entlehnt. Einzelne Komponenten lassen sich in den Gemälden immer wieder entdecken, ihre Geschichten werden über die Grenzen eines einzelnen Bildes hinaus weitergesponnen, vertieft, nehmen Wendungen.

Die Schach spielende Duo aus BERGMAN (2010) wird in in LEROY MERLIN (2010) an die schattige Wand projiziert, im Hintergrund weht das weiße Hemd im Wind, das in BERGMAN noch im Bildvordergrund hängt. In ÜBERGANG (2010) führen Stromleitungen auf einen im Nebel verschwindenden Leuchtturm zu. Er scheint das einzige Gebäude weit und breit zu sein, die einzige Existenzberechtigung für die Strommasten. In eben jenem Leuchtturm ist die Szenerie des Gemäldes TURMZIMMER (2011) angesiedelt, der Leuchtturmwärter hat dort Ideenblasen, Gedankenblitze, das Leuchtmaterial seines Turmes, zum Auszirkeln aufgehäuft.

 

Die Kuratorin der Galeria de Arta Contemporana des Muzeului National Brukenthal, Liviana Dan möchte mit der Ausstellung eine Art der Malerei zeigen, die sich in der rumänischen Kunst noch nicht etablieren konnte. Während die Malerei im Stil des jungen Gerhard Richter oder von Luc Tuymans etablierte Bildsprache in den Meisterklassen der rumänischen Kunsthochschulen ist und sich auch auf dem Kunstmarkt beweisen konnte, vermisst die Kuratorin die eher konzeptuelle Malerei, die der Vorstellungskraft des Betrachters ihren Freiraum lässt. Mit der Kunst Mandy Kunzes gelingt eben dieser Ansatz, der Kraft des Visuellen, der Formen und Strukturen wird in ihrem Werk Vorrang gegenüber der Wirklichkeit gewehrt.

Mandy Kunze: The Golden Journey to Samarkand.
2.-25. August 2011: Galeria de Arta Contemporana a Muzeului National Brukenthal, Sibiu.

Text: Sophie Stock, Übersetzung: Jutta Martini