Meisterklasse Neo Rauch - Der ehemalige Norden - Ausstellung im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen, Mandy Kunze

 

 

Presseinformationen zur Ausstellung

KUNSTWERKSTADT. MANDY KUNZE

Kunst im öffentlichen Raum

Die Bildsprache der 1978 in Leipzig geborenen Künstlerin Mandy Kunze bewegt sich zwischen expressionistisch und surrealistisch - viel vermittelt sich über die Farben, die leuchtend sein können, aber auch matt oder dunkel und die den Bildern ganz unterschiedliche Stimmungen verleihen. Ihre Gemälde und Graphiken sind gegenständlich, aber nicht in dem Sinne, dass sich dem Betrachter der Gegenstand sogleich erschließt. Sie erweist sich darin als eine Schülerin von Neo Rauch, dessen Bilder dem "Magischen Realismus" zugeordnet werden. Doch sind ihre Bildgegenstände weniger scharf konturiert, weniger bunt, wirken fragmentarischer und unvollendeter. Sie entwirft verunklärte Bildräume, die häufig kein nachvollziehbares Ambiente zeigen, sondern aus Fragmenten von Architektur oder Inneneinrichtung konstruiert sind, Durchblicke durch Wände gewähren oder Einblicke in Räume bieten, deren Funktion unklar bleibt. Sie sind bevölkert von Menschen und Tieren, deren Rolle und Beziehung untereinander ebenfalls nach Deutung verlangt.

Das Gemälde "Wuchs" (170 x 200 cm) inspiriert sich an den "Hexenringen" in den Thüringischen Wäldern, die kreisförmigen Ansammlungen von Pilzen, die das unterirdisch weitverzweigte Myzel eines Pilzes ausbildet. Ein solcher ist im Vordergrund aus dem Boden geschossen, sich mit den Wurzeln des Baumes verbindend, den er umgibt. Ebenso geheimnisvoll wie die Wucherung wirkt der Wald mit seinen dunklen Schatten und Sonnenflecken. Und was hat es mit dem Fahrrad auf sich, das im Hintergrund am Boden liegt? Ist es ein Verweis auf die Präsenz der Künstlerin, ihre "Signatur" gewissermaßen? Oder wurde hier ein modernes Rotkäppchen vom Wolfe gefressen, das sich zu tief in den Wald gewagt hatte, ist das gestürzte Rad also Indiz eines Verbrechens oder Unglücks? Ist es eine "feindliche" Natur, in welcher der Mensch verlorengehen kann, oder ein paradiesischer Ort, der seinen eigenen Gesetzen gehorcht und Zuflucht aus dem städtischen Getriebe gewährt? Mit seinen unsichtbar existierenden weiträumigen Strukturen kann der "Hexenring" aber auch als eine Metapher der Vernetzung gelesen werden, einstehend für das Geflecht von Beziehungen und kollektiver Wissensanhäufung, wie sie die Welt des Internets mit sich gebracht hat, aber auch für die neuronale Vernetzung des Gehirns, die Gedanken wie Pilze aus dem Boden schießen lässt, insofern auch eine Metapher des künstlerischen Schöpfungsprozesses.

Nicht weniger rätselhaft bietet sich das in der Ausstellung zu sehende Gemälde "Bergman" (200 x 300 cm) dar, in das zwei Motive eingegangen sind, welche die Künstlerin zuvor im kleinen Format als Grisaillen geschaffen hatte. Zum einen handelt sich dabei um eine genrehafte Szene eines zum Trocknen aufgehängten Hemdes, zum anderen um die beiden Figuren. Diese sitzen an einem Tisch in einem zwischen Innen- und Außenraum changierenden Ambiente, hinter ihnen öffnet sich der Blick auf eine fahle, kahle Landschaft, die über die Drähte eines Elektromastes mit dem Gebäude verbunden ist. Der Betrachter wird bei dem düsteren Bild vielleicht die von der Verbrennung der Braunkohle geschwängerte dicke Luft assoziieren, die ihren Staub über die Städte des deutschen Ostens legte, und die Mauern in jenem tristen braungrau färbte, das diese Szenerie überlagert. Doch ist die dunkle Figuration über dem Tisch ein Überbleibsel des Schachspiels in der kleinen Variation des Motivs? Oder liegt sie in dem "draußen" und suggeriert einen Eingang in dunkle unterirdische Welten? Ist der junge Mann in der Bildmitte ein "Bergmann", der soeben seine Schicht beendet hat und einen Moment ausruht, bevor er das weiße Hemd anzieht? Doch wer ist der unheimliche Geselle mit schwarzer Kapuze ihm gegenüber, dessen Unterkörper im Ungewissen verschwindet? - Ist es der Tod, der ihn schon erwartet, das weiße Hemd sein "Totenhemd"? Spielt der junge Mann hier mit dem Tod um sein Leben? Galt der Pfeil, der oberhalb seines Kopfes in der an der Tür angebrachten Dart-Scheibe steckt, ihm? Weist die Figur des Todes voraus auf ein Unglück, das ihm bald zustoßen wird? Die Künstlerin bezieht sich hier auf den mit dem Tod schachspielenden Ritter aus dem Film "Das siebente Siegel" von Ingmar Bergman und der Regisseur ist es, der ihrem Bild den Titel gibt. Mit dem Wissen um diesen Bezug wächst dem Gemälde ein allegorischer Charakter zu: eine Reflexion über die Bedingungen der menschlichen Existenz, über den Kampf für eine Sache und den ewigen Kreislauf von Ende und Neubeginn. Der Tod wird so zu einer Figur der Metamorphose, des Schaffensprozesses selbst. In der Vita der Künstlerin markiert das Bild den Moment des Übergangs vom Studium in die Phase der selbständigen Arbeit, dem Bewusstwerden der eigenen Kräfte in Auseinandersetzung mit der Lebensrealität des Künstlers, der sich den Bedingungen des Kunstmarktes stellen muss.

Das kleinformatige Bild "Aufstieg" (20 x20 cm) hingegen zeigt uns einen Raum, zwischen Innen und Außen, teils sonnendurchflutet und teils verschattet. Wo befinden wir uns? Die Architektur verbirgt sich mehr, als dass sie sich zeigt, der nackte Beton ist eher unwirtlich, zugleich scheinen Reste einer Blumentapete die Mauern zu zieren, doch diese ist halb zerstört und assoziiert, dass es sich einen aufgelassenen, verlassenen Ort handelt. Ist es der Ausgang aus einer Tiefgarage? Das rotweißgestrichene Geländer ist zwar ein farbiger Akzent, doch verbindet sich im Verkehrsgeschehen damit gemeinhin eine Warnung, signalisiert eine Begrenzung und Unüberschreitbarkeit. Es begleitet hier die Treppe, die hinauf ins Licht führt, wird so innerbildlich wie für den Betrachter zur Orientierungshilfe. Doch ist das wirklich ein Ort des Menschen und sind wir allein hier unten? Nein - bei längerem Hinschauen zeichnen sich die blutroten Konturen einer Fledermaus in der linken oberen Ecke ab, die auf uns zufliegt. Ein zweites geflügeltes Wesen scheint sich rechts daneben im Halbschatten zu verbergen, etwas anderes Tierisches die Säule herunterzuklettern. Und auf der dunkelgrünen Fläche links - krabbeln da nicht weitere Wesen herum? Bedrohen die Tiere den Betrachter, der, durch die fluchtende Perspektive ins Bild hineingezogen, intuitiv versucht, die rettende Treppe zu erreichen? Oder sind sie nur die Ausgeburten seiner eigenen Ängste, stehen für seine eigenen Zweifel, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist? Natur wird in diesem Bild in zwei widersprüchlichen Weisen präsent - mit den stilisierten stürzenden Rosen und den gelben Linien, die wie verfestigte Sonnenstrahlen wirken, erscheint sie nur als "Abklatsch", als domestiziertes Abbild des natürlichen Lebensraumes; die Tiere hingegen führen ein - tendenziell bedrohliches - Eigenleben. Was erwartet uns, wenn wir den "Aufstieg" bewältigt haben werden?

Mandy Kunze stellt in ihren Bildern die Frage nach der Verortung des Menschen in der modernen Welt. Die Acrylfarbe gibt ihr die Möglichkeit, in sich überlagernden Schichten den Bildfindungsprozess während des Malens zu gestalten. Sie zeigt die beunruhigende Begegnung von Mensch und Natur, den Eingriff der Zivilisation in die Welt der Pflanzen und Tiere, die Fremdheit des Menschen in der Umgebung, die er sich selbst geschaffen hat. Die Bilder erzeugen beim Betrachter das Bedürfnis nach Erklärung, das Bedürfnis, eine Erzählung oder ein Ereignis zu erkennen, doch bleibt die Deutung letztlich offen und lässt subjektiven Assoziationen Raum.

Philine Helas