Meisterklasse Neo Rauch - Der ehemalige Norden - Ausstellung im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen, Mandy Kunze

 

 

Verleihung Förderpreis "Zonta Goslar"

Laudatio auf Mandy Kunze

gesprochen von Antje Stoelzel-Tiedt

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Lucksch, sehr geehrte Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, liebe Preisträgerin Mandy Kunze.

Mit Staunen stehe ich vor der Malerei der diesjährigen Preisträgerin des Förderpreises "Frauen in künstlerischen Berufen" des Zonta-Clubs Goslar St. Barbara: Mandy Kunze. Ich sehe Räume, Landschaften, Gegenstände, Menschen. Mal kräftig farbig, mal zurückhaltend gedeckt, mal fast düster - schwarz/weiß. Viele der Arbeiten von Mandy Kunze erscheinen mir überraschend reif für die Werke einer Künstlerin, die gerade erst ihr Studium, ihre Meisterschülerzeit beendet hat. Woran mag das liegen? Nun haben wir gerade gehört, dass Mandy Kunze erst auf Umwegen zur Kunst gekommen ist, kein "junges Küken" mehr ist, sondern schon auf einige Lebenserfahrung zurückgreifen kann, sich gegen Widerstände durchsetzen musste, um ihre Kunst leben zu können. Dies spiegelt sich in ihren Arbeiten wider. Aber da ist noch etwas anderes, etwas schwerer zu Greifendes.

Neo Rauch sagt über die junge Künstlerin: "...die unbestreitbare Verbindlichkeit dieser Bilder, deren Verfasstheit kaum etwas rein Spielerisches aufweist und denen zunehmend eine hohe motivische Verdichtung zu eigen ist. Dies geschieht freilich durch den rein malerischen Aufwand, den Mandy Kunze betreibt; durch die geradezu kämpferische Intensität, mit der sie die Farbmaterie in ihre Transformation zwingt."

Dies bezieht sich vor allem auf Mandy Kunzes Haupttechnik, die Malerei mit Acryl auf Leinwand. Daneben experimentiert die Künstlerin auch mit anderen Arbeitsweisen und Techniken. Sie hat sich u.a. an die Lithografie und die Radierung gewagt. Etwas düster wirken die in diesen grafischen Techniken entstandenen Werke. Räume und Gestalten in schwarz-weiß oder nur angedeuteter Farbigkeit werden von dunklen Schatten dominiert, detailliert ausgearbeitet.

Im starken Kontrast dazu stehen die, vor allem im letzten Jahr entstandenen Farbstiftzeichnungen, die u.a. auf Reisen entstanden sind. Skizzenhaft eingefangene Szenerien, landestypische Bauwerke, Landschaften, Menschen im Café, im Museum, auf der Straße, im Park, groß und portraithaft, klein als Typen. Eingefangen mit Filzstift, Fineliner, Edding, Bleistift, Kugelschreiber, Textmarker, ergänzt mit Aquarellfarbe und Acryl auf Papier. Bloße Arbeitsskizzen? Vorarbeiten für größere Werke? Oder eigenständige Arbeiten, die durch ihren Eindruck von Unfertigkeit bestechen?

Sie sind wohl irgendwie Beides, erste Eindrücke, ausgedrückt im Medium der Papierarbeit und doch eigenständig in ihrer Aussage, entwicklungsfähig und doch nicht notwendigerweise weiterzuentwickeln.
Ähnlich die Serie der sogenannten ?Kacheln?. Im Format 10 x 10 cm in Acryl auf Leinwand entstandene kleine Bilder, Fragmente. Sie wirken wie Puzzlestücke wie in ein größeres Gemälde einzuordnende Bildelemente. Bei ihrem Anblick erwartet der Betrachter fast ein Bilderrätsel, eine große Malerei mit einem quadratischen weißen Fleck. Darunter 4 einander ähnliche Bildausschnitte, von denen der Rätselfreund eines als das richtige erkennen muss, das, an die weiße Stelle gesetzt, das große Bild vollendet, es perfektioniert.

Vielleicht ist es auch so. Vielleicht wartet jede dieser Kacheln darauf, Teil eines größeren Bildes zu werden, das in Mandy Kunzes Kopf, in ihrem Unterbewusstsein bereits existiert. Bisher konnte sie nur einen kleinen Teil dieses Bildes einfangen und auf die Kachel bannen. Aber eines Tages wird das große Ganze entstehen. Eines Tages wird es eine große Leinwandarbeit geben, die diese kleine Szenerie, die auf der Kachel zu finden ist, als Element enthält. Vielleicht wird dieses große Bild aber auch nie entstehen. Vielleicht sind diese kleinen Bilder auch nur eine Art Versprechen.

Ich stelle mir vor, ich nehme eine dieser Kacheln, eines dieser Fragmente, mit nach Hause. Ich stelle mir vor, ich möchte sie haben, weil nicht in Mandy Kunzes Kopf, sondern in meinem eigenen ein großes Ganzes entstanden ist, von dem ich mit der Kachel nur einen kleinen Teil greifbar in Händen halte. Zauberei, die nur die Kunst vermag. Verheißung sein; den Betrachter selbst etwas erspüren lassen. Eine kleine Kachel, ein kleines Bild, das für den Betrachter, vielleicht für mich, eine ganze Welt bedeuten kann, und - wenn dieses kleine Bild doch als Ausgangspunkt für eine größere Arbeit dient ? eine ganze Welt für Mandy Kunze.

Diese kleinen Arbeiten sind jedoch nur ein Teilbereich von Mandy Kunzes künstlerischem Schaffen. In ihrer momentanen Lieblingstechnik, der Acrylmalerei auf Leinwand, entstehen Formate bis zu 2m x 2m. Diese sind nicht kleinteilig gefüllt, wie man im Angesicht der Kacheln vielleicht vermuten könnte, sie sind großflächig, als eigenständige Kompositionen gestaltet und beweisen damit, ganz nebenbei: Mandy Kunze kann, was nicht jeder Künstler kann: Sowohl kleine als auch große Formate arbeiten. Der Umgang mit großen Flächen ist und muss anders sein, als der mit kleinen Formaten. Das hat sowohl etwas mit der Wahrnehmung des Betrachters als auch mit der reinen Maltechnik zu tun. Muss der Maler bei großen Formaten doch, um die Proportionen entsprechend dem Entwurf umsetzen zu können, immer wieder auch rein räumlich Abstand von dem Bild nehmen, während ein Blatt Papier auf einem Tisch mit einem Blick zu überschauen ist.

Doch dies nur nebenbei. Was mich an Mandy Kunzes Arbeiten besonders verblüfft und auch irritiert ist ihr Umgang mit der Genauigkeit. In den mit enspanntem Pinselstrich oder schwungvollem Farbstift entstandenen Szenen gibt es immer wieder Elemente, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet scheinen. Ein Eichhörnchen, das der Betrachter fast streicheln möchte, ein intensiv als Portrait gezeichnetes Gesicht, eine Bahnschranke, Hut und Mantel eines Herrn. Elemente, die im Vergleich zu den übrigen Flächen und Details sehr gerade, sehr genau, sehr intensiv wirken. Ist das Zufall? Oder wird hier, vielleicht sogar unbewusst, ein Schwerpunkt gesetzt? Ein Zeichen gegeben?

Diese kleinen malerischen Ausflüge in die Nähe der Realität betonen deutlich das Skizzenhafte, das manchmal wie Unvollendet wirkende von Mandy Kunzes Arbeiten. Etwas bleibt offen. Ist der Weg das Ziel?
Ich stelle es mir so vor: Die Künstlerin trifft auf etwas, einen Menschen, ein Erlebnis, einen Eindruck, der sie beschäftigt. Da sie ist, was sie ist, eine Malerin, deren Bedürfnis es ist, sich, ihre Gedanken und Gefühle in Bildern auszudrücken, entstehen Malereien. Wenn sie ihren Gedanken zu Ende gedacht hat, für sich eine schlüssige Antwort gefunden hat, sind die Bilder rund und geschlossen. Bleiben aber Fragen zu dem Thema offen, gibt es Gedankenfäden, die nicht zu Ende geführt wurden, dann spürt der Betrachter dies auch in den Bildern. Wohlgemerkt: dies ist keine Wertung. Unter den berühmten Gemälden unserer Welt gibt es sowohl die eine, als auch die andere Sorte von Bildern, alle auf die ihnen eigene Art eindrucksvoll und faszinierend.

Thematisch scheint Mandy Kunze die ganze Welt für sich zu erobern, wobei sie sich mit der Wahl ihrer Sujets deutlich an den Künstlern der klassischen Moderne wie Monet, Van Gogh, Picasso orientiert. Wir finden Landschaften, Gegenstände, Innenräume, Menschen. Oft einzelne Menschen, oder Menschen, die nebeneinander in der Szene existieren, ohne zu kommunizieren. Findet sich hier vielleicht noch ein unbewusstes Thema? Alleinsein? Wertungsfrei? Als Freiheit oder Einsamkeit? Oder ganz konkret als Wunsch nach mehr Miteinander oder Kommunikation zwischen den Menschen?
Oder manifestiert es nur Mandy Kunzes Rolle als Beobachterin, als Künstlerin, die die Welt um sich herum aufnimmt, transformiert und in ihren Bildern neu erfindet?

Mandy Kunze hat mir hierzu ein Zitat des Philosophen Ernst Cassirer ans Herz gelegt, das ich Ihnen nun vorlesen möchte:
Raum und Zeit nehmen schon, wenn man sie lediglich als Objekte der Erkenntnis fasst, eine besondere und ausgezeichnete Stellung ein (...) Die spezifische Bedeutung der Frage nach dem "Was" des Raumes und der Zeit scheint vielmehr darin zu liegen, das mit und an dieser Frage die Erkenntnis eine neue Richtung gewinnt. Hier zuerst begreift sie, daß und warum die echte Außenwendung nur durch eine ihr entsprechende Innenwendung zu vollziehen ist - hier lernt sie einsehen, daß der Horizont der Gegenständlichkeit sich wahrhaft erst aufschließt, wenn der Blick des Geistes nicht lediglich nach vorwärts auf die Welt der Objekte, sondern nach rückwärts, auf die eigene Natur und auf die eigenen Funktion der Erkenntnis selbst, gerichtet wird. (...) So kehrt die Erkenntnis, je tiefer sie in die Struktur des Raumes und der Zeit eindringt, um so gewisser in sich selbst zurück - so erfasst sie erst an ihnen, als dem Korrelat und Gegenhalt, ihre eigenen Grundvoraussetzungen und ihr eigentümliches Prinzip."
(S. 169, aus dem Artikel zuerst abgedruckt in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 25, (1931)
Beiheft: Vierter Kongreß für allgemeine Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.)

Mandy Kunze schöpft also aus ihrem Innersten. Sie spiegelt sich, ihre Erfahrungen und Gedanken, ihre Emotionen in ihren Arbeiten wieder.
Und damit bewegen wir uns im Bereich der Grundlagen des Künstler-Daseins, des sich Abarbeitens an der Realität.
Im Falle Mandy Kunzes heißt das ganz technisch konkret: Die Künstlerin arbeitet mit der Zentralperspektive, ihre Räume laden ein, darin einzutauchen. Sie bannt Pinselstrich für Pinselstrich expressiv die Szenerie auf Papier oder Leinwand, lässt Landschaft und Objekte entstehen. Dabei spielt sie Schicht für Schicht mit Formen und Farben. Wo in dem einen Bild gerade Formen dominieren, lockt in einem anderen die genau beobachtete Beweglichkeit eines Tieres. Auch traumartige Darstellungen finden den Weg in ihre Bildwelt. Manches Motiv wirkt durch und durch erlebt, während andere surreale Facetten aufweisen. Hier ist es wieder, das schwer Greifbare.

Wo finden wir uns in diesen Bildern wieder? Auch wir, als Betrachter, spiegeln uns in den Werken wieder, fühlen uns im Innersten angesprochen. Im Geist? Oder im Gefühl?
Ich möchte schließen mit einem Zitat aus Hermann Hesses Narziss und Goldmund. In diesem Roman lässt Hermann Hesse den Wissenschaftler und Denker Narziss zu seinem Freund sagen:
?Ich glaube die Kunst besteht nicht bloß darin, dass durch Stein, Holz oder Farbe etwas Vorhandenes aber Sterbliches dem Tod entrissen und zu längerer Dauer gebracht wird...?
Darauf antwortet der Künstler Goldmund: ?? das Urbild eines guten Kunstwerkes ist nicht eine wirkliche lebende Gestalt, obwohl sie der Anlass dazu sein kann. Das Urbild ist nicht Fleisch und Blut, es ist geistig. Es ist ein Bild, das in der Seele des Künstlers seine Heimat hat.?
(Danke ...)

Antje Stoetzel-Tiedt
anlässlich der Verleihung des Förderpreises
Frauen in künstlerischen Berufen
des Zonta-Clubs Goslar St. Barbara